Die fünf Rekonstruktionen

Die fünf Rekonstruktionen

Der Fund der fünf Skuldelev-Schiffe öffnete die Türen zur Welt der Wikingerzeit. Die Schiffe stellen eine einzigartige Sammlung verschiede­ner Schiffstypen dar, die für die Fischerei, den Handel, die Verteidigung und die Kriegsührung genutzt wurden. Sie spiegeln eine Gesellschaft wider, die sich am Meer orientierte und neue Horizonte anpeilte. 
Und sie erzählen von der Seefahrt, die die Küsten verband und die Menschen über die Denkweisen, Religionen und Traditionen hinweg zusammenführte. 

Die Skuldelev-Schiffe bilden das Fundament des Wikingerschiffsmuseums. Die Funde haben die Entwicklung eines Arbeitsumfelds begünstigt, in dem Archäologen, Historiker, Handwerker und Segler Brücken zwischen Theorie und Praxis bauen. Die Rekonstruktion der Schiffe und das Fahren mit den Schiffen sind feste Bestandteile der Arbeit. Das Museum ist heute international führend im Bereich der experimentellen Schiffsarchäologie. 

Mit den rekonstruierten Schiffen fahren wir im Kielwasser der Wikinger über das offene Meer und längs der europäischen Küsten. Und die Versuchsfahrten enden nicht, wenn die Schiffe wieder im Hafen liegen. Die Reisen stacheln die Neugier an und werfen neue Fragen auf. 
Das Zusammenspiel zwischen Mensch, Schiff und Meer ist noch immer mit vielen ungelösten Rätseln verbunden. 
 

Besuchen Sie die Werft, wo der Duft von Teer und frisch gespaltenem Holz schwer in der Luft liegt, und beobachten Sie, wie die Bootsbauer tausendjährige Handwerkstraditionen fortsetzen.
Machen Sie eine Bootsfahrt und erleben Sie das Segeln der Wikingerzeit auf dem Roskilde Fjord.

Ottar 1999 - 2000

1999 wurde mit dem Bau von ottar begonnen, der Rekonstruktion des groBen Frachtschiffes aus Westnorwegen, das für die offene See 
gebaut wurde. Das Schiff wurde aus kräftigen Kiefernplanken gebaut. Seine ausladende Form gewährleistet eine groBe Ladekapazität und überzeugende Seetüchtigkeit im Nordatlantik. 

Einige besondere, unbekannte Axtspuren, die die Bootsbauer an einem unteren Querbalken, einer so genannten Bite, fanden, wurden von einem Norweger ais "sprett-telgjing" identifiziert. Dabei handelt es sich um eine besondere Bearbeitungstechnik, deren Spuren man in Norwegen auch am Osebergschiff aus der Wikingerzeit, an Stabkirchen und Häusern aus dem Mittelalter und in Dänemark am Wrack Roskilde 5 gefunden hat. 

Das "sprett-telgjing" wurde bei Kiefernholz genutzt und erfordert eine besondere Axt. Die Technik hinterlässt ein besonderes Muster an Hauspuren. Sie unterscheidet sich von der bisher genutzten Technik der Bootsbauer. Die Axt wird in einem schwach stumpfen Winkel in das Holz gehauen, der Bootsbauer entspannt daraufhin seinen Arm und lässt die Axt aus dem Holz springen bzw. sich herausschneiden. Der Bau von Ottar lenkte die Aufmerksamkeit der Bootsbauer auf die Erforschung der Schlagtechniken und Werkzeugspuren an den Originalschiffen. Bei den Bootsbauern rückte stärker ins Bewusstsein, dass Werkzeug auf unterschiedliche Weise geformt, geschliffen und angewendet werden kann. 

Ottar ist im Museumshafen zu sehen. Der Wiederaufbau hat reichlich, leistungsstarke Formen und dunkel geteerten Holz.

Das Museum verfügt heute über eine bedeutende Sammlung von Kopien der Äxte, Hobel, Bohrer, Profileisen, Messer, Stemmeisen, MeiBel und Hämmer aus ganz Skandinavien. 

Der Seehengst von Glendalough 2000 - 2004

Der Seehengst von Glendalough ist ein Nachbau des 30 m langen irischen Kriegsschiffes Skuldelev 2. Das Schiff ist eine Kriegsmaschine, gebaut für hohe Geschwindigkeiten und den Transport zahlreicher Krieger. Es ist eine kühne Konstruktion, schwer und stark genug, um sein 112 m2 groBes Segel zu tragen und gleichzeitig leicht und lang genug, um von einer 60 Mann groBen Besatzung gerudert werden zu können. Ein Kompromiss zwischen Stärke und Leichtigkeit.

Die Bootsbauer untersuchten, welche Ressourcen in Form von Holz, Eisen, Teer, Wolle und Hanf für das Langschiff erforderlich sein würden. Das zeichnete ein Bild der Gesellschaft der Wikinger und der Machtstrukturen, die Voraussetzung dafür waren, die erforderliche Organisation und derart umfassende Ressourcen zur Verfügung zu stellen. 

Der Seehengst von Glendalough lief 2004 vom Stapel. Der Traum des originalgetreuen Nachbaus aller fünf Skuldelev-Schiffe war Wirklichkeit geworden. Der nächste Schritt bestand dann darin, im Kielwasser der Wikinger zu fahren, um die Rekonstruktion zu erproben. Die Versuchsreise von Roskilde nach Dublin und zurück 2007-2008 war der Höhepunkt langjähriger Arbeit.

Der Seehengst ist das bisher umfassendste archäologische Experiment des Museums. Der Bau weckte das Engagement und die Begeisterung zu neuem Leben, die 18 Jahre vorher den Bau von Roar Ege gekennzeichnet hatte. Und genau wie damals vereinte das Projekt das gesamte Museum.  

Ein Langschiff mit einer Lange von 30 m erfordert: 

  • 4 Eichen für Kiel und Steven
  • 14 Eichen für Planken
  • 2 Eichen für Kielschwein und Mastfisch
  • 250 Stück Eichenkrummholz für Spanten
  • 3 Eschen für Planken mit Riemenpforten
  • 2 Fichten für Mast und Rah
  • 35 Fichten für Riemen
  • 10 Weiden für 1000 Holznägel
  • 10 Linden/Tannen/Fichten für Schilde
  • 8.000 Eisennägel
  • 600 Liter Teer
  • 112 m2 Segeltuch aus Leinen
  • 2.000 Meter Hanftauwerk

Der Seehengst ist im Museumshafen zu sehen. Das Langschiff ist leicht erkennbar mit seinem markanten blauen, gelben und roten Planken.

1982 - 1984

1982 wurde Roar Ege gebaut, ein Nachbau des kleinen, eleganten und soliden Handelsschiffes, das für den Transport von Waren in den dänischen Binnengewässern und in der Ostsee verwendet wurde. Dieses Schiff war das am besten erhaltene der fünf Wikingerschiffe. Bereits während der Ausgrabungen tauchte der Traum auf, Skuldelev 3 zu rekonstruieren. Es wurde der erste Nachbau, der auf der Bootswerft des Wikingerschiffsmuseums gebaut wurde. 

Um voreingenommene Haltungen zum Schiffsdesign und dem Bau zu vermeiden, stellte das Museum für den Bau von Roar Ege keine professionellen Bootsbauer ein. Das Team sollte offen sein gegenüber einer über 1000 Jahre alten Bautradition. Das Museum engagierte da her eine Gruppe junger Leute, die zwei Jahre vorher die lmme Skinfaxe gebaut hatte, eine Rekonstruktion von Skuldelev 3 in 9/10 der OriginalgröBe.

Der Bau von Roar Ege wurde gründlich dokumentiert. Alle Einzelheiten wurden diskutiert und für jede beschlossene Lösung eine Notiz mit Beschreibungen, Zeichnungen und Quellenhinweise angefertigt. Diese Lösungen wurden erst an einem Holzmodell im MaBstab 1:10 ausprobiert. War das Ergebnis nicht zufriedenstellend, so kehrte man an den Arbeitstisch zurück. 

Der Bau von Roar Ege wurde von einem Pioniergeist beflügelt. Das gesamte Museum war in ein Projekt eingebunden. 
Der Wunsch, den Schiffbau der Wikingerzeit zu erforschen, zündete einen Funken. Fasziniert von dem Bau und der Atmosphäre lernten mehrere Teilnehmer ein traditionelles, maritimes Handwerk- und schufen so die Grundlage dafür, um am Museum ein professionelles, spezialisiertes Handwerksmilieu aufzubauen. 

Bei der Rekonstruktion der Skuldelev-Schiffe sehen sich die Bootsbauer des Museums mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Zu den schwierigsten gehört es zu erklären, dass die Wikinger im Gegensatz zu modernen Bootsbauern nach AugenmaB arbeiteten und von mündlich überlieferten Faustregeln ausgingen. Das Wikingerschiffsmuseum hat sich dafür entschieden, die Rekonstruktionen so originalgetreu wie nur möglich nachzubauen. Daher verwenden die Bootsbauer Modelle und Zeichnungen, aber machen sich gleichzeitig Gedanken über die traditionelle Bauweise der Wikinger. 

Roar Ege ist im Museumshafen zu sehen. Die Rekonstruktion wird mit einer Mischung aus Holzteer und Leinöl behandelt, die dem Schiff seine schöne dunkelbraune Farbe verleiht. Darüber hinaus sind mythologische Muster im Schiffsboden eingraviert.

1990 - 1991

Das kleine Kriegsschiff Skuldelev 5 war ideal für Fahrten in den danischen Binnengewässern. lm Gegensatz zu den anderen Skuldelev-Schiffen wurde dieses Schiff ursprünglich aus neuem und wiederverwendetem Holz gebaut. Wenige Jahre bevor das Schiff in der Fahrrinne versenkt wurde, reparierte man es ebenfalls mit neuem und altem Holz. Man weiB nicht, warum das Schiff auf diese Weise gebaut wurde, aber Bau und Reparaturen wurden von sachkundigen Bootsbauern ausgeführt. 

Der Kiel des Nachbaus Helge Ask wurde 1990 gelegt. Eine Frage drängte sich jedoch auf. Welches Schiff wollte man bauen? Das ursprüngliche oder das reparierte Schiff?

Als der Kiel gelegt und die untere Beplankung in Klinkerbauweise fertiggestellt worden war, stand fest: Helge Ask sollte anhand der ursprünglichen Form von Skuldelev 5 rekonstruiert werden. Einige der Bootsbauer des Projekts Roar Ege wurden erneut hinzugezogen, um auf ihren wertvollen Erfahrungen aufbauen zu können. 

Helge Ask ist im Museumshafen zu sehen. Das kleine Langschiff ist mit gelben und bräunlichen Farben dekoriert, inspiriert von der Bayeux-Tapete. Eine weiße Schlange oder ein Wurm ist um das vordere und hintere Schiff gemalt und folgt dem Ausschnitt auf dem Originalschiff. Für längeres Segeln ist Helge Ask auch mit einem roten Drachenkopf und -schwanz verziert.

Vor dem Bau von Helge Ask war es der Traum des Museums, die wichtigsten Aspekte der maritimen Kultur der Wikinger, ihren friedlichen Handel und ihre blutigen Kämpfe zeigen zu können. Nach dem Bau wuchs der Traum, alle fünf Skuldelev-Schiffe nachzubauen.

1998 und 2010

1998 rekonstruierten die Bootsbauer des Museums Skuldelev 6, das Fischerboot aus Westnorwegen. Das Boot wurde am Sognefjord gebaut, zeitgleich mit dem Frachtschiff Skuldelev 1. Ursprünglich wurde es als Fischerboot in den tiefen, norwegischen Fjords eingesetzt. Später wurde es um einen Plankengang erhöht und für Transporte entlang der Küste Norwegens genutzt. 

Bei diesem Bau verwendeten die Museumsbootsbauer erstmals Bord planken aus Fichte anstatt aus Eiche. Das erforderte neues Wissen, da Fichte anders gespalten wird ais Eiche. 

12 Jahre später, im Jahre 2010, erfolgte die Kiellegung eines weiteren Nachbaus des Fischerbootes - Skjoldungen. Es gibt keine erhaltenen Steven von Skuldelev 6; diesmal wurde die Konstruktion der Steven geändert. Beim Bau der Kraka Fyr waren die Bootsbauer nämlich noch vom Treppensteven des Schiffsfundes Skuldelev 3 ausgegangen. 

Archäologische Funde von Steven in Westnorwegen und die Ähnlichkeit des Fischerbootes mit Skuldelev 1 haben seitdem gezeigt, dass die Steven von Skuldelev 6 anders ausgesehen haben könnten. Die neuen Steven entstanden mit Rücksicht auf die erhaltenen Teile und ohne die Form des Bootes zu ändern. Es gibt, wie dieses Beispiel zeigt, mehrere Lösungen, wenn fehlende Teile eines Orginalschiffs rekonstruiert werden sollen.